Kulturhäppchen #10 - Die Zähmung des Rheins

Auch ohne direkten Zugang zum Rhein ist dieser ein beliebtes Ausflugsziel für die Lahrer, gerade in den wenig abwechslungsreichen Corona-Zeiten. Wer heute am Flussufer spaziert oder radelt, wird sich kaum vorstellen können, wie dieser noch vor 200 Jahren aussah.

Damals schlängelte sich der Rhein noch in einem kilometerweiten Bett durch urige Natur. Während er ab Karlsruhe große Schleifen zog, war er im mittleren und südlichen Baden durch unzählige Nebenarmen und Zuläufe bis zu zwei Kilometer breit. Doch der Mensch wollte mehr Raum für Siedlungen, Landwirtschaft und ganz besonders Sicherheit vor dem launenhaften Strom. Seitdem musste sich der Rhein immer wieder dem Willen des Menschen unterwerfen.

Am 26. April 1817 einigten sich Baden und die bayerische Pfalz, den Rhein entlang der gemeinsamen Grenze mit Durchstichen von seinen Schleifen zu trennen. „Kein Strom oder Fluss hat mehrere Arme nöthig“, soll Johann Gottfried Tulla gesagt haben. Seit Jahren hatte er dafür geworben, dem Rhein ein einheitliches Flussbett von 200 bis 250 Metern zu geben. Die Begradigung machte den Fluss kürzer und ließ ihn schneller fließen. Durch Dämme wurden Hochwasser nun kalkulierbar. Für Flößer und die Lastenschifffahrt war die Verkürzung ein Segen. Vom Fluss und dessen Überschwemmungen abgeschnitten, konnten Auen und Seitenarme zur Landgewinnung trockengelegt werden. Neue Siedlungs- und landwirtschaftliche Flächen wurden so gewonnen. Ohne die stehenden Gewässer gingen auch die Fälle von Malaria stetig zurück.

Für Tulla war die Zerstörung der Flussauen mit ihrer Artenvielfalt kein Thema. Er war von der Rechtmäßigkeit seines Projekts stets überzeugt. Er nannte es „Rectification“, sinnhaft übersetzt mit „Berichtigung“ des Flusses. Doch die höhere Überflutungsgefahr flussabwärts an Mittel- und Unterrhein ließ Preußen und die Niederlande gegen weitere Arbeiten in Nordbaden einschreiten. Außerdem hatte Tulla eine weitere Fehlberechnung gemacht: Durch die höhere Fließgeschwindigkeit grub sich der Rhein immer tiefer in sein Bett und senkte so auch den umgebenden Grundwasserspiegel. Nicht nur flussnahe Wasserflächen verlandeten ungewollt und Brunnen mussten tiefer gebohrt werden - manche Flächen mussten sogar ganz aufgegeben werden. Doch das erlebte der gefeierte Ingenieur nicht mehr. Er starb 1828 in Paris, ironischerweise an den Folgen einer Malariaerkrankung.

In die Gegend um Lahr kam die Rheinbegradigung erst ab dem 08. April 1840. Baden und Frankreich konnten sich nach langen Verhandlungen über Kosten, Besitz und Rechte an Ufern und den damals noch vielen Inseln des Rheins einigen. Es sollten aber noch weitere 37 Jahre vergehen, bis auch hier die Arbeiten abgeschlossen sein würden. Doch wer die Geschichte des Rheins kennt, der weiß, dass hier die Zähmung des Stroms noch nicht zu Ende ist.

Der ursprüngliche Rhein

Rheinaufwärts gen Basel
Peter Birmann - Blick vom Isteiner Klotz (Kunsthalle Basel)

Dieses Gemälde des Schweizer Künstlers Peter Birmann zeigt einen ursprünglichen Rheinabschnitt um 1819. Der Blick geht rheinaufwärts vom Isteiner Klotz in Richtung des 13 Kilometer entfernten Basel. Besonders gut zu erkennen sind die vielen kleinen Inseln und Sandbänke, die für den alten Rhein so typisch waren. Auch der dichte Auenwald an den Ufern wurde vom Maler eingefangen.Im Hintergrund zeichnen sich bereits die Alpen ab.

Ganz ähnlich dürfte auch der Rhein im Lahrer Umland ausgesehen haben. So könnte eines der Uferdörfer der Schwanauer Ortsteil Wittenweier sein, welcher früher regelmäßig von Hochwassern überflutet wurde. Ein Schicksal das Lahr durch dessen Lage auf den Vorbergen des Schwarzwaldes erspart blieb.