Kulturhäppchen #7 - Der Cello-Pflug

Auf dem historischen schwarz-weiß Foto von 1902 fährt das Lahrer Bähnle durch die Stadt. Man sieht Menschen am Rande, die mit ihren Waren auf den ZUg warten.
Das Bähnle in der Kaiserstraße im Jahr 1902
Als Lahrer Gymnasiast der Kaiserzeit war man fast schon Student. Es gab kaum eine andere Vorstellung für diese vermeintliche „Elite“. Also begannen sie schon als Schüler sich wie ihre Vorbilder aufzuführen, die Burschenschaftler mit ihren Traditionen und noch wichtiger, den Trinkgelagen. Diese wurden meist von Liedern und schmissiger Musik begleitet und als Cellist wurde der noch junge Heinrich Strohmeyer als Korpsmusiker zwangsverpflichtet. Die strikte Rangordnung ließ keinen Protest zu und um weiter teilnehmen zu dürfen, musste er sich fügen.

Da es nicht gern gesehen wurde, wenn sich Schüler in der Öffentlichkeit betrunken aufführten, musste die Verbindung geheim bleiben und ihre Treffen wurden oft außerhalb Lahrs abgehalten. Zu einem dieser getarnten „Ausflüge“ in ein Lokal nach Seelbach musste Strohmeyer nun sein Cello mitschleppen. Es kam, wie es kommen musste. Nach einem durchzechten Abend hatte man das letzte Bähnle nach Hause verpasst. Da es keine andere Möglichkeit gab, musste die Gruppe nach Hause laufen.

Mit dem Cello schwer bepackt und durch ein Hüftleiden behindert, fiel der junge Heinrich immer weiter hinter die Gruppe zurück. Es hatte frisch geschneit, was das Fortkommen noch weiter erschwerte. Die Mitschüler hatte er bald verloren. Sie waren so laut und betrunken, dass sie sein Rufen und Fehlen nicht bemerkten. Weit nach Mitternacht war er nun allein irgendwo zwischen Seelbach und Lahr, stürzte immer wieder in den verschneiten Straßengraben bis er eine Idee hatte. Auch wenn er sie nicht sehen konnte, lagen die Gleise des Bähnle unter dem Schnee. Also nahm er sein Cello, fuhr dessen Stachel aus und kratzte damit über den Boden bis er eine der Schienen fand. Nun schob er das Instrument wie einen Schneepflug vor sich her. So fand er trotz der Widrigkeiten wieder zurück nach Lahr.

Sein treuer Schneepflug hatte trotz der Belastung kaum gelitten und kann ab dem 29. November in der Ausstellung „Wer war Stroh?“ betrachtet werden.