„Provenienzforschung zu kolonialen Hintergründen der städtischen Sammlung Lahr (Erstcheck)“ Alles nur geklaut? Ein neues Forschungsprojekt am Stadtmuseum Lahr sucht nach Spuren des Kolonialismus

Was hat der Kopfschmuck einer Königin von den Sandwichinseln im Depot des Lahrer Stadtmuseums verloren? Dieser und vielen weiteren Fragen geht ab 15. August 2026 ein neues Forschungsprojekt am Stadtmuseum nach.
In der Vorbereitung für die Sonderausstellung „Tatsachen – Verbrechen und Strafe in Lahr“ (2025/2026) stieß Kurator Bastian Kussin auf eine ganze Reihe außergewöhnlicher Sammlungsstücke. Es handelt sich um über 200 Stücke aus ehemaligen Kolonialgebieten, darunter Holzmasken aus Afrika, Gewänder aus Indien und Schmuckstücke von Südseeinseln.
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Holzmaske, mutmaßlich Westafrika
Quelle: Stadtmuseum Lahr

Im Rahmen eines „Erstchecks“ wird unter der Projektleitung von Bastian Kussin erstmals ein näherer Blick auf diese Objekte geworfen. Im Fokus stehen dabei mögliche Unrechtshintergründe beim Erwerb der Stücke und gegebenenfalls die Findung einer fairen Lösung dafür.

Gefördert wird das Projekt vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste. Die Stiftung fördert Provenienzforschung zu Kulturgütern aus möglichen Unrechtskontexten. Die Lahrer Sammlung ist für eine solche Forschung interessant, da die meisten von den über 200 ethnographischen Sammlungsstücken während der Kolonialzeit aus damaligen Kolonialgebieten eingeliefert und an die Stadt übergeben wurden.

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Beim Begutachten der ethnographischen Stücke ist viel Vorsicht geboten.
Quelle: Stadtmuseum Lahr

Die Vielfalt der Objekte und ihrer Herkunftsorte ist dabei enorm. Der evangelische Missionar Wilhelm Schmolck etwa brachte in den 1890er-Jahren eine Vielzahl an Stücken aus seiner Tätigkeit in Ostindien in die Stadt. Der Lahrer Matrose Adolf Watter wurde 1891 noch von der Presse dafür gelobt, Kriegsbeute von der Niederschlagung eines indigenen Aufstands in der Kolonie Deutsch-Ostafrika mitgebracht zu haben.

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Buch aus Palmblättern, das 1891 von Missionar Schmolck mitgebracht wurde.

Im Rahmen des Forschungsprojekts wird zunächst ein Überblick erschaffen, wieviele Stücke mit begründetem Verdacht auf koloniale Kontexte bestimmt werden können. Dazu konzentriert sich die Provenienzforschung vor allem auf die Objektgeber:innen. Aus dem Blick auf ihre Biographie kann versucht werden, den Erwerb des Objekts zu rekonstruieren.

Als Erwerb aus kolonialen Unrecht gilt dabei nicht nur der gewaltsame Raub eines Objekts. Auch ein erzwungener Verkauf oder eine Schenkung, die aus einer ungleichen Bedrohungssituation heraus gemacht wird, gilt als Unrechtskontext.

Dass aber nicht jedes Stück aus einem (ehemaligen) Kolonialgebiet gleich problematisch sein muss, zeigt ein alter Lahrer Bekannter. Der Totempfahl, der von 1977 bis 2026 im Stadtpark stand, war zum Beispiel ein Geschenk des Kanadischen Militärs. Für den Bau des Pfahls wurden indigene kanadische Holzschnitzer offiziell beauftragt, nach ihrem Einverständnis gefragt und dafür entlohnt.

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Einweihung des Totempfahls im Jahr 1977.
Quelle: Stadt Lahr

Die Ergebnisse des „Erstchecks“ am Stadtmuseum werden in der Online-Datenbank des Deutschen Zentrum Kulturgutverluste www.proveana.de sowie in der Online-Datenbank der Deutschen Digitalen Bibiothek https://ccc.deutsche-digitale-bibliothek.de/en veröffentlicht. Zusätzlich wird ein begleitender Vortrag und eine zugehörige Ausstellung geplant.

 

 

Bei Nachfragen zum Projekt:

bastian.kussin@lahr.de

07821-910-0411

Stadtmuseum Lahr, Kreuzstr. 6, 77933 Lahr